Eine erlebnisreiche Reise über Monate und viele Länder geht zu Ende.
Grund ein wenig Reisephilosphie zu betreiben.

Weiss jemand eine Tat, die radikaler mit den Gewohnheiten bricht, als fortzureisen und wegzugehen? Wärme gegen Kälte tauschen, Vertrautes gegen Ungewisses, deutsch gegen kasachisch/usbekisch/russisch/kirgisisch tauschen, Freunde gegen Raubritter als Polizisten getarnt, oder Mühelosigkeit gegen Mühsal an den Grenzen, oder ein einwandfrei funktionierendes Immunsystem gegen Attacken asiatischer Viren.

Doch wer der Schwerkraft der Seßhaftigkeit widersteht, davongeht und reist, wird belohnt. Unter der Bedingung, dass er lernt: die Wirklichkeit ist bisweilen nicht zu ändern und dass sie oft auch andere Möglichkeiten bereithält.

Um zu reisen braucht es ein Fortbewegungsmittel. Kein schönes Wort, aber darin stecken „ fort“ und „Bewegung“. Ich bewege mich, also bin ich. Solange wir Illusionen und Neugier haben, hören wir nicht auf zu leben. Die Mutter aller Bewegungsmittel sind unsere Beine. Unverzichtbar, aber leider greifen sie für unsere Reisen zu kurz. Unsere Devise: möglichst oft für Kurzstrecken benutzen. Für die Langstrecke ist unser Wohnmobil langsam genug, dass unsere Sinne folgen können.
23.000 km bedeuten aber auch ca. 2,4 m3 Diesel zu verbrennen. Damit könnte man 3 – 4 Wohnungen einen Winter heizen. Gegenrechnen können wir nur 1 1/2 Monate Gebäudeheizung gespart, einen Wasserverbrauch von etwa 20 Liter täglich für 2 Personen, kein Verbrauch elektrischer Energie für 5 Monate (Ausnahme: 3 Waschmaschinenfüllungen).

Unser Flo macht für uns solche Reisen überhaupt erst möglich: er schützt vor Regen und Kälte, vor Blicken und zudringlichen Zeitgenossen, ist Bett, Küche, Toilette, Leseecke, Schutzhütte auf 3.800 Meter Höhe, Strandhaus am See und eine komplette Wohnung auf gut 5 m2 für 2 Menschen und einen Hund. Es erfordert ein hohes Maß an Ordnung um alles zu verstauen und wieder zu finden. Bekleidung, Essen, Toilettartikel und Medikamente, Bücher und Karten, 2 Kisten Hundefutter und Spielzeug für Leon, Reservekanister, Geschirr und Wasser. Alles in allem macht das ohne uns ca. 3400 kg. Möglich, dass man auch mit leichterem Gepäck reisen kann, aber das ist auch ein Zugeständnis an das Alter und die Bequemlichkeit.

Es kommt der Zeitpunkt wo man spürt, dass man umdrehen muss. Nach all der Zeit, nach mehr als langen 150 Tagen und Nächten setzt langsam Reisemüdigkeit ein. Die Ohren, sonst hellhörig, werden faul und verstopft vom Gehörten, verweigern die Aufnahme. Die Augen werden blind und sind vollgeladen wie ein digitaler Speicher. Man kann aber nichts löschen und es gibt auch keinen Ersatzchip. Wir sind satt, haben keinen rechten Hunger mehr, die Neugier nimmt ab. Wir sind reif für zuhause: für unsere gemütliche Wohnung, die große Dusche mit unbegrenzt Warmwasser und den ganzen Komfort. Eben die Heimat:Der Gang zum Bäcker, 3 Ecken ins Kino, die Familie und Freunde und das warme Gefühl, dazuzugehören. Da können wir unsere Batterien wieder aufladen. Man darf über Politik alles sagen ohne dafür bestraft zu werden und religiöse Frömmler jeder Farbe werden hier in die Schranken verwiesen. Man kann einen Salat essen und muss hinterher nicht auf die Toilette rennen. Man verschwendet keine Zeit für die Suche nach einem Restaurant, das nicht nur eine gefrorene Pizza als einzige Bestellung zulässt (auf der großen Speisekarte). Wo man die Sicherheit hat, dass es im Land auch jeden Ersatzteil fürs Auto, jedes Medikament gegen fast jede Krankheit gibt und wo man in seiner Muttersprache und ohne pantomimische Einlage kommunizieren kann. Nicht zuletzt fährt man ohne aufgehalten zu werden über die Grenze in sein Stammbeisel.

Aber gleichzeitig wissen wir, dass es sich wieder regen wird, das Fernweh, das Ziehen und die Lust auf Abenteuerliches. Keine Reise, nach der nicht schon wieder Pläne für eine weitere gewälzt werden. Solange es die Gesundheit zulässt, solange die Neugier auf die Welt bleibt.
Soweit unsere Wahrheit. Es gibt aber 3 Wahrheiten sagen sie in Asien: meine Wahrheit, deine Wahrheit und die Wahrheit.

Zum Schluß ein Zitat von Steve Jobs. Er riet den Studenten in Stanford nach einem Referat: „ stay hungry, stay foolish“.

Thats it.
Anneliese und Günther samt Leon – der faul im Auto liegt

PS.: einige Gedanken von Andreas Altmann aus seinem Buch „Gebrauchsanweisung für die Welt“ haben uns so gut gefallen, dass sie in unsern Text eingeflossen sind.

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In Suzdal genießen wir die Vorzüge eines Campinggeländes. Das erste nach 4 1/2 Monaten.

Zwischen uns und der Grenze zu Lettland liegt noch Moskau. Mittendurch oder großräumig umfahren? Wir entschließen uns für letzteres und über Pereslavl, einer Stadt des „Goldenen Ringes“, mühen wir uns über schlechte Landstraßen bis Tver an der Wolga. 3690 km machen sie zum längsten und wasserreichsten Fluß Europas. Da wir sie schon im Delta bei Astrachan überquerten und ihr längere Zeit von Samara bis Nizhny Novgorod folgten, wäre es noch interessant ihre Quelle zu besuchen. 2 weitere Tage durch eine nordischen Landschaft, dann stecken wir unsere nackten Füsse in das moorbraune Bächlein.

Wo sich Bär und Elche gute Nacht sagen, die Wälder mit Seen und Sümpfen durchzogen sind, wo gerade einmal 2 Autos mit Pilze- und Beerensammlern entgegen kommen, wo also die Welt zu enden scheint, öffnet sich der Wald und wir stehen vor einer wunderschönen Kirche im warmen Abendsonnenlicht. Einige Nonnen im Kloster daneben hüten den Ursprung des Flusses. Wir dürfen auf ihrem Parkplatz übernachten. Alle Außenanlagen sind gerade neu errichtet worden: ein Holzhaus über der Quelle samt einem Steg aus Kunststoffbohlen, Parkflächen und 2! Hubschrauberlandeplätze betoniert. Der Architekt müsste für seinen Materialmix mit nassen Tüchern erschlagen werden. Trotzdem: die Magie des Ortes konnte er nicht zerstören.

Ein Fluß als Symbol der Einheit des Landes. Das lässt sich nutzen von Politik und Kirche. Und weil den jeweiligen Zeremonienmeistern die Straße nicht zumutbar ist, benötigt jeder seinen eigenen Landeplatz.

Weitere 2 Tage reiht sich Schlagloch an Schlagloch, unterbrochen nur von umgestürzten Bäumen des nächtlichen Gewittersturmes. Dann haben wir auch dieses Land durchquert und hoffen, nicht zum letzen Mal.

Nun treiben wir uns noch einige Zeit im Baltikum herum bevor wir Kurs nach Süden nehmen

Ganz liebe Grüße
AuGuL

Nach 4.500 km Kasachstan sind wir nun seit einer Woche in der russischen Föderation. Samara, Kazan, Nizhny Novgorod, Vladimir. Kirchen, Klöster, Wolgahäfen, die Ausgrabungen von Bolgar und dazwischen endlos viele Kilometer Straßen, die an Verkehrsdichte den Brenner locker in den Schatten stellen. Am Ende jeder Tagesetappe aber meist als Belohnung ein schöner Nachtplatz: Hafenterrasse über der Wolga mit Begleitmusik aus zahlreichen Autoradios; Strandplatz mit Bad an der Sura mit Gelsen, die auch in unserem Auto übernachten wollen; Parkplatz vor dem Kloster Pechorsky mit Weitblick über die Wolga und frühen Kirchgehern am Sonntagmorgen.

Die Natur entlang unserer Route hat sich auch geändert: waren es noch vor wenigen Tagen Steppen mit verdorrtem Gras sind es nun Birken- und Nadelwälder. Einen Hinweis auf möglichen Elchkontakt gab es schon. Aus einer überwiegenden Zahl von Islamgläubigen wurden nach und nach orthodoxe Christen.

Morgen gibt es noch einmal geballte Kultur: das alte Suzdal. 2×2 km Stadt, aber 15 Kirchen und Klöster. Doch nur vorbeifahren können wir einfach nicht – auch wenn die Festplatte schon übergeht.

GlbGr an alle
AuGuL

Bilder zu Russland:

Ein paar Betrachtungen: Zentralasien ist nicht erst seit kurzem im Zentrum des Interesses. Es war immer ein Knotenpunkt: im Netz der antiken Seidenstraße, als Herz des Mongolenreiches Dzhingis Khans, als Zentrum des Riesenreiches Tamerlans und zuletzt Objekt der Begierde der russischen Zaren und Bolschewiken. Handel brachte Reichtum, gute klimatische Umstände führten zu ertragreichen Ernten. Heute kommt noch ein weiterer Reichtum dazu: diese Länder sitzen auf Bodenschätzen und riesigen Gas- und Öllagerstätten und werden von China, Amerika und Europa umworben. Da wird auch weggeschaut, wenn das Demokratieverständnis, die Menschenrechte und der Umweltschutz nicht immer unseren Konventionen entsprechen. Hauptsache man bleibt im Geschäft.

Von allen zentralasiatischen Staaten (mit Aserbaidschan) hat nur Kirgistan eine funktionierende Demokratie. Alle anderen Staaten werden von Familienclans regiert. Zum Beispiel ein Autokrat wie Nazerbajev, Präsident Kasachstans, bestimmt allein die Politik des Landes. Und Priorität haben nicht die Gesundheit der Menschen, die Bildung oder die Sozialpolitik, sondern sein Steckenpferd. Er leistet sich den Neubau einer ganzen Hauptstadt Astana. Ein Milliarden – Megaprojekt, um sein Präsidentenego zu befriedigen. Dabei sollte er die Situation in den bestehenden Städten und Dörfern studieren. Ohne Wasserleitung und Kanal lebt es sich nicht so bequem wie in seinem „Weissen Haus“. Desolate Schulen, Wohnhäuser und Straßeninfrastruktur auf allen Nebenstraßen warten dringend auf Investitionen. Eine interessante Lektüre wäre das Buch „good father in law“ seines in Ungnade gefallenen Schwiegersohnes Rachat Alijev, der in einem österreichischen Gefängnis ums Leben kam. Aber so genau wollen unsere Politiker gar nicht wissen – 1.) stört es die Geschäfte und 2.) man weiss ja nie was nachkommt – siehe Irak oder Libyen.

Um seine Landsleute auch mit seiner Hauptstadteuphorie anzustecken, rief er gerade die Astanaer Tage aus. 4 arbeitsfreie Feiertage am Stück. Das hätte uns fast getroffen. Ein Dichtring an der Steckachse wurde undicht. Also in die Werkstatt. Hätten wir nicht einen winzigen Garagenbetrieb gefunden, in dem das Auto im Hof sofort repariert wurde, hätten wir bei einer Vertragswerkstatt eine viertägige Zwangspause einlegen und zudem auf das Originalersatzteil aus Almaty warten müssen. In Astana findet soeben die Weltausstellung statt und die sollten auch seine Kasachen bewundern können.

Jetzt sind wir schon etwas früher als geplant im Oblast von Oral. Durch die abwechslungsarme Steppe machten wir fast immer mehr Tageskilometer als geplant. Einzig die frühere Hafenstadt Aral und ihren trockengefallenen Fischereihafen besuchen wir. Die Bewohner kämpfen gegen die Wüste und hoffen, dass das Meer irgendwann zurückkommt.

Eine Herausforderung für Leute wie uns, die keine 10 Worte russisch können, ist die Sprache. Inzwischen funktioniert ein kleiner „smalltalk“ ganz gut. Zudem sprechen hier in Kasachstan einige deutsch, das bis vor ein paar Jahren in der Schule unterrichtet wurde. So werden viele Freundlichkeiten ausgetauscht, wir bekommen Brot, Krapfen, Käse usw. geschenkt und werden oft eingeladen. Auch wir haben viel Besuch in unserer „Wohnung“. Küche, Bett, Tisch und Toilette werden bestaunt.

Auch bei der Polizei kommen wir inzwischen immer besser weg. Tagfahrlicht vergessen – straffrei. Statt einer lästigen nächtlichen Kontrolle – wir sind schon im Bett – gibt es eine Visitenkarte vom Polizist mit Telefonnummer. Wir sollen uns melden wenn wir seinen Schutz benötigen. Die Polizei auch dein Freund und Helfer!

Nun sind wir quer durch Kasachstan gefahren – es sind ca 4.500 km und verbringen nun die letzten Tage hier am Oral – Fluß, da unser Visum für Russland erst ab 24.7. gültig ist.

Ganz liebe Grüße AuGuL

Raus aus den Bergen und hinein in die Steppe Kasachstans. Die letzte Stadt in Kirgistan in Karakol, auf dem Markt füllen wir unsere Vorräte auf, das rege Marktleben ist farbenprächtig und exotisch. Eine letzte Passstraße reizt uns noch: über den Chonashu mit 3822 Metern Höhe gelangt man ins Tal des Engilchek- Gletscher, mit 51 km Länge einer der stattlichsten im Tien Chan. Uns genügt der Anblick der vielen Sechs- und Siebentausender. Leon tobt im Schnee und dann suchen wir uns einen Übernachtungsplatz 1100 Meter tiefer im Almboden bei den Pferdeherden.

Der kleine Grenzübergang zu Kasachstan bei Sari Tash ist nur im Sommer geöffnet und vor allen Dingen sehr unbürokratisch. In Rekordzeit von 30 Minuten sind wir durch und wir schaffen am gleichen Tag noch den Weg zum Charyn- Canyon. Der Charyn hat sich durch den Berg gegraben und dabei skurile Figuren aus Stein geschaffen die wir durchwandern.
Die Landschaft hat sich inzwischen total verändert, Steppe und Sandwüste dominieren das Bild. Die oder der Ile hat sich ein Tal gegraben und die Menschen haben es seit tausenden Jahren, als das Klima noch feuchter war, besiedelt. Sie haben an vielen Stellen Gravuren im Fels hinterlassen. Vermutlich waren es uralte Kultstätten und Abbildungen von Tieren die gejagt wurden. Aber auch buddhistische Mönche, die auf der Seidenstraße unterwegs waren ritzten Symbole ihrer Religion in den Stein. Der Ile ist nur einer der Ströme, die durch das Siebenstromland fließen. Sein Delta ist riesig und er gießt sein Wasser in den Balchachsee. Heute hat sich das Klima verändert, dürre Steppe herrscht vor. Noch vor dem Weltkrieg war hier dichter Dschungel und 1939 wurde der letzte Turan-Tiger geschossen. Jetzt bevölkern Angler die Ufer des Flusses. Nicht immer ist dann der Amurkarpfen oder Wels das Ziel der Männer. Man verbringt ein Wochenende mit Freunden bei Bier, Wodka, Schaschlik, Mücken und Zeltromantik.

Nicht nur in Kirgistan, auch in diesem Land gibt es Balbals, die steinernen Wächterfiguren, die oft schon mehr als 1000 Jahre die Landschaft bewachen. Mit einer unzureichenden Beschreibung des Standortes brauchen wir Stunden um eine Gruppe auf einem Hügel im Nirgendwo zu finden und für euch zu fotografieren.

Stetig geht es nun nach Westen in Richtung russischer Grenze. Ohne unsere spontanen Umwege und Abstecher sollten wir täglich ca. 150 km fahren, um zum Beginn des Russland-Visums am 24.7. an der Grenze zu stehen. Aber schon kundschaftet Anneliese weitere Highlights und „musts“ aus, und die Tagesetappen werden entsprechend länger. Dabei wird das Wetter täglich heisser, 37° und mehr verführen uns oft zu einem Stopp am See oder Bach – Erholung für uns und Leon die Wasserratte. Zum großen Glück fahren wir noch am Rand der schneebedeckten Tien Shan- Ausläufer, und der nächtliche Bergwind kühlt.
8.7.:
Jetzt hat uns die Hitze endgültig erwischt! Wir stehen bei 45 Grad und müssen unseren Tagesablauf danach richten!

GlbGr. an unsere Familie und Freunde

AuGuL

nun kommen die Bilder aus Kasachstan:

Karakol in Kirgistan 22.6.

Kirgistans Norden

Wir machen uns auf in den nördlichen Teil Kirgistans, durchqueren auf dem Tien Shan – Highway das gleichnamige Gebirge. Tien Shan ist chinesisch und heißt Himmelsgebirge. Es erstreckt sich von China nach Westen und seine Ausläufer reichen bis Uzbekistan . Entlang des Narynflusses, der sich eine mächtige Schlucht gegraben hat, verläuft die Straße nach Norden Richtung Bishkek. Mehrmals wurde das Gewässer gestaut, im Toktogul – See verschwanden in sowjetischer Zeit 26 Dörfer. Kara Köl wurde als Stadt gegründet um die vielen Menschen, die am Bau der Kraftwerke beteiligt waren, aufzunehmen. Heute verfallen die Plattenbauten. Die Jungen siedeln ab.

Wir verlassen den Highway vor dem Töö Ashuu – Pass und nehmen eine Piste durch das Dshumgaltal nach Kochkor. Das Tal und seine Schluchten sind an Schönheit kaum zu topen. Wir brauchen gut 2 Tage. Einerseits ist die Gegend überwältigend und wir halten oft an, andererseits ist die Piste teils in schlechtem Zustand. 15 – 20 kmh ist unser Schnitt.
In Kochkor besuchen wir Altyn Kol, eine Frauenkooperative. Sie umfasst 600 Frauen, die in Handarbeit gefertigte Filzteppiche herstellen und einen guten Zusatzverdienst erwirtschaften.
Das stärkt die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Die ist aus heutiger Sicht eher problematisch. Die „tugendhafte“ Frau ist stets zurückhaltend und wird schon als Mädchen zu striktem Gehorsam erzogen. Vor diesem Hintergrund muss man die massive Zunahme des „Brautraubes“ sehen. Dieser geht meist so vonstatten, dass der Mann die Frau seiner Wahl (mithilfe einer größeren Gruppe von Männern) auf offener Straße entführt und in das Haus seiner Familie bringt. Das Mädchen kennt oft nicht einmal seinen Entführer. Die weiblichen Familienmitglieder versuchen, das Mädchen mit Drohungen und Verwünschungen dazu zu bringen, in die Ehe einzuwilligen. Dabei versuchen sie ihr den traditionellen Brautschleier anzulegen, dessen Aufsetzen als Zustimmung gilt. Was sich eher wie ein schlechter Witz als bitterer Ernst anhört ist per Gesetz verboten. Trotzdem kommen auf solche Weise noch immer Ehen am Land zustande. Aus Scham wird die Tat kaum angezeigt, ist doch das Mädchen entehrt, wenn es über Nacht in einem fremden Haus bleibt. In der Sowjetzeit wurden „nur“ 20 % der Bräute entführt, aber mit dem Rückfall in archaische Rollenbilder nimmt die Zahl der Frauen, die Entführung und Zwangsheirat widerstandslos hinnehmen, massiv zu. Ein widersprüchliches Bild Kirgistans, das uns doch so gut gefällt. Das einzige Land Zentralasiens mit einer Demokratie, das auch die Menschenrechtserklärung der UNO unterschrieben hat. Alles nur Papier?

Kaum wieder auf der Hauptstraße nach Bishkek stoppt uns wieder einmal eine Polizeistreife. Fahren ohne Licht am Tag auf einer Hauptstraße macht 5.000 Sol oder € 70,0 . Wir haben Gelegenheit unsere neue Strategie gegen überzogene Strafen zu testen. Anneliese nimmt die Kamera, macht Fotos vom Polizeiauto und dem Beamten. „No Fotos“, rufen die 3 erschrocken. Wir wollen nur in Bishkek nachfragen , ob die Strafe in dieser Höhe rechtens ist. „Sorry about my bad English, I mean 500 Som, not 5.000“ . Wir zahlen und löschen die Bilder. Allgemeines Aufatmen bei den Polizisten, ein Grinsen bei uns über unseren Sieg. Man wünscht uns noch eine gute Reise. Jemand erzählt uns, dass man viel Geld zahlen muss um bei der Exekutive eingestellt zu werden. Der Lohn ist sehr gering. Aber mit dem Streifenwagen und dem Radargerät ausgestattet hinter einer 40iger Tafel auf vierspuriger Fahrbahn versteckt, bringt die Butter aufs Brot.

Nördlich vom Issyk Kol See verlief eine Hauptader der Seidenstraße und traf sich hier mit einem anderen wichtigen Karawanenweg aus dem Süden. Von Indien über Kashgar und Naryn verlief dieser Zweig. Doch nicht nur Handelsware sondern auch Teppich – Handwerk von hier gingen nach West und Ost. Auch unsere vertrauten Obstsorten, Stein – und Kernobst stammen ursprünglich aus dieser Region. Der See schafft ein günstiges Mikroklima, ist der doch flächenmäßig 11x der Bodensee.
Heute spielt neben dem traditionellen Handwerk der Tourismus eine zunehmende Rolle. Die 4 – 5 Tausender des Tien Shan ziehen viele Alpinisten an und nicht wenige Einheimische arbeiten als Berg- und Wanderführer, in Jurtencamps und als Reitpferdehalter.

ganz liebe Grüße an daheim – wir werden noch einige Tage in Kirgistan bleiben und dann gehts westwärts durch Kasachstan

AuGuL

Ist ein umwerfendes aber zugleich anstrengendes Erlebnis. Bei Begegnungen mit den Uzbeken erfahren wir viele Freundlichkeiten, Hilfsbereitschaft und Neugierde. Nach einem „shake hands „ mit beiden Händen ist die erste Frage „akuda?“ Aus Austria! Weitere Fragen bleiben aus Verständigungsgründen offen, stoppen aber kaum den Redefluss der Leute. Mehr Auskünfte braucht die Polizei an den häufigen Checkpoints – aber immer freundlich. Ganz wichtig wären die Registrierungen, heißt es. Man bekommt sie bei Übernachtungen in den Hostels in Form von kleinen Zetteln mit Stempel. Vorausgesetzt es wird in Fremdwährung ($) bezahlt. Da wir oft „wild“ übernachten haben wir nur die Hälfte der nötigen Zettelchen. Dass wir an der Grenze für die fehlenden Strafe zahlen werden erweist sich aber als falsch. Unsere Nachtplätze sind oft eine Weide oder Flussufer und nie werden wir von den Bauern abgewiesen.

Ein eigenes Kapitel ist das Tanken. Ganz Uzbekistan fährt mit Gas – vom Kleinwagen bis zum Sattelschlepper. Nur wenige ausländische LKW’s benötigen Diesel wie wir. Den gibt es aber nicht. Wir fahren in jede Tankstelle mit Dieselzapfsäule meistens erfolglos. Wir halten Ausschau nach parkenden ausländischen LKW’s vor Werkstätten. Dort gibt es hin und wieder Diesel aus Kanistern vom Schwarzmarkt. Die Qualität ist ein Lotteriespiel, doch da wir doppelt filtern sind wir halbwegs sicher vor Wasserbeimengung.

Tashkent ist die Hauptstadt und gibt uns einige Rätsel auf. Die Besichtigung der Sehenswürdigkeiten erweist sich als schwierig wenn man mit Hund unterwegs ist. Die Metro soll schöne Stationen haben, aber die Benützung für uns drei ist unmöglich, weil verboten. Desgleichen kommen wir in keinen der vielen städtischen Parks hinein. Selten gelingt es uns einen Platz auf der Terrasse von Restaurants zu bekommen, weil Hunde nicht erlaubt sind. Islam und Hund gehen einfach nicht zusammen, besonders nicht hier in Tashkent, dass sich so gerne modern und westlich geben will.

Das Preisniveau in Uzbekistan ist sehr niedrig. Die einfachen Hostels sind billig, auch der tägliche Einkauf kostet wenig bis auf Ausnahmen: das 1/4 kg Bohnenkaffee soll 69.000 Som kosten. Mehr als das Essen im Restaurant für uns beide um 44.000 Som (€ 5,50). Geldwechsel erledigen wir am Schwarzmarkt weil der Wechselkurs das doppelte an uzbekische Som bringt als in der Bank.

Am Markt beobachte ich eine Frau mit einer Räucherschale. Sie besucht jeden Stand, räuchert und bekommt dafür eine Tomate, etwas Obst oder Gewürze. Weil Anneliese gerade zwischen den Ständen einkauft lasse ich auch unser Auto räuchern. Sehr wichtig in diesem adergläubigen Land, in dem es keine Fordwerkstatt gibt und demnächst in Kirgistan Autoversicherungen unbekannt sind. Sicher ist sicher.

Über einen Pass erreicht man das Ferganabecken, ein dicht besiedeltes Gebiet. Viele Kanäle und einfache Wasserräder bewässern die Felder. In Marghilan schauen wir uns noch die dortige Seidenmanufaktur an und verstehen, dass bei so vielen Arbeitsschritten Seide ihren Preis hat.

6 km nach der Grenze zu Kirgistan erreichen wir Osh. Die Stadt umschließt einen schroffen Hügel, der schon seit 3.000 Jahren als Kultstätte dient. In einer winzigen Moschee sitzt ein Männlein, das sofort gegen eine Spende für dich zu beten beginnt. In den Felsen gibt es eine schmale Höhle in die man kriechen kann und seine Gesundheit zurückerhält. In kleinere Löcher kann man auch nur seine Glieder stecken und sie werden gesund. Anneliese hält ihre Hand mit der lästigen Warze hinein und siehe da – kein spontaner Erfolg. Eine Rinne wird von Frauen mit Kinderwunsch genutzt. Im Laufe der Jahrhunderte ist der Stein glatt poliert worden.
In Osh beginnt auch der legendäre Pamir Highway, eine gut ausgebaute Straße über das Alay – und Pamirgebirge. Sie führt über einige der höchsten Straßenpässe überhaupt. Wir folgen ihr bis Sary Tash über den 3.615 Meter hohen Taldykpass. Vor uns ausgebreitet liegen die 6.000er des Hohen Alay. Höchster Gipfel ist der Pik Lenin mit 7.100 Meter. Auf der Sary Tash Hochebene auf 3.100 Meter beginnt gerade die Almsaison. Viele Herden genießen das erste Grün. Pferde, Schafe, Ziegen, Rinder und Yaks freuen sich wie wir über den strahlend schönen aber frischen Tag. Beim Aufstehen hatten wir – 0,5 Grad. Abseits der Straße errichten Bauersleute gerade die Jurte für ihr Sommerlager. Wir können mithelfen, das Gerüst aufzustellen. Danach wird die Filzummantelung fest mit dem Holzrost verbunden und fertig ist die Jurte. Es kommt noch die Einrichtung und ein Teppich als Fußboden. Das Almleben kann losgehen. Als Lohn für unsere Hilfe gibt es eine Flasche vergorene Milch, die ich lieber nur koste.
Von hier führt eine Straße nach Osten zur chinesischen Grenze und weiter nach Kashgar. Auf dieser Route werden Waren aus China per LKW schnell und kostengünstig in den Westen und nach Russland transportiert. Hier ist sie wieder, die moderne Seidenstraße. Vom letzten Pass mit 3.745 Meter schauen wir nach China hinein. Nicht ohne rein gedanklich eine Fortsetzung dieser Reise durchzuspielen. Egal, dieses Mal müssen wir umdrehen.

Ein Satz noch für unsere Inge: aus China kommt uns ein sehr bekanntes Fahrzeug entgegen. Es ist ein Rotelbus voller Abenteurer, der die weite Strecke von Peking bis Europa unter die Räder nimmt.

Ganz liebe Grüße an unsere Familie und Freunde

Anneliese und Günther samt Leon